Das analoge sträubt sich gegen das digitale? Materialitäten des deutschen theaters in einer welt des virtuellen

Barnett, David (2006) Das analoge sträubt sich gegen das digitale? Materialitäten des deutschen theaters in einer welt des virtuellen. Research, 37 . Theater der Zeit. ISBN 9783934344815

Full text not available from this repository.

Abstract

>Das Petroleum sträubt sich gegen die fünf Akte<: Brechts Aphorismus erfasst das Unbehagen, das die ästhetischen Formen des 19. Jahrhunderts dem Theater des 20. Jahrhunderts bereiteten.1 Dieses Theater suchte nach Formen, die den Erfahrungen und den materiellen Realitäten des Petroleums und seiner Implikationen gerecht werden könnten - nämlich den Realitäten der Geschwindigkeit, der Technologie, der industriellen Vorgänge, des unermesslichen Reichtums und der Auswirkungen all dieser Faktoren auf Politik, Gesellschaft und Bewusstsein.

Doch diese Neubesinnung liegt nun schon gut ein Dreivierteljahrhundert zurück; seitdem haben wir so paradigmatische Infragestellungen des Materiellen wie die Internetkommunikation, die Genmanipulation, den Dotcom-Boom (und seinen Zusammenbruch) erlebt. Ist somit das innovative Theater Brechts durch die allgegenwärtige Erfahrung des Virtuellen ästhetisch überholt und entbehrlich gemacht worden? Ist das Theater an sich durch die unübersehbare Quantität und Vielfalt der Medienalternativen ins Abseits gedrängt worden? Oder haben diese Entwicklungen vielmehr zur Redefinierung des Potenzials von Theater geführt? Welche Konsequenzen hat die radikal veränderte und sich stets weiterverändernde technologische, gesellschaftliche und mentale Umwelt des 21. Jahrhunderts für die ästhetischen Formen des Theaters? Bietet das Theater adäquate Mittel, um der ästhetischen und technischen Herausforderung gewachsen zu sein, die in der Darstellung des Undarstellbaren liegt, im Erfahrbarmachen des Unsichtbaren, Virtuellen oder Abwesenden? Befindet sich das dramatische Theater aller voreiligen Verkündungen seines Ablebens zum Trotz vielleicht doch weiterhin in der Lage, die Welt darzustellen, da es bei der theatralischen Repräsentation immer schon auch um das abwesende >Reale< ging? Oder bieten eher postdramatische Texte und Inszenierungsformen die adäquaten Möglichkeiten, die Manifestationen und Auswirkungen des Virtuellen theatralisch zu erfassen? Was ist der Zusammenhang zwischen dem Nichterfassbaren der Erfahrung im 21. Jahrhundert und dem Erhabenen und Numinosen, mit der sich ästhetische Praxis und Theorie auch in vergangenen Epochen befasst hat?

Laut Heiner Müller ist das Theater »Steinzeit«2 und darf seinen Stoff und Inhalt einer anderen Erfahrung der Zeit gegenüberstellen, um Einsichten in die neuen Verhältnisse von Raum und Zeit zu gewinnen. Das Theater mag also seine zeitlichen Grenzen zum Vorteil nutzen.

Andere Theatermacher eignen sich die Innovationen neuerer Medien an, um der Gegenwart gerecht zu werden, indem schnelle filmische Schnitte und digitale Technologien verwendet werden. Die Formen der Performance Art und Aktionskunst werden auch in Anspruch genommen. Die Essays dieses Bandes setzen sich mit den aktuellen Problemen der Darstellung und ihrer Verweigerung auseinander und ergeben ein kaleidoskopisches und widersprüchliches Panorama, das die Vielfalt der Institution »Theater« im deutschsprachigen Raum reich beschreibt und analysiert.

Unsere im September 2005 in Dublin veranstaltete Tagung strebte an, anhand der von den Beitragenden ausgewählten Beispiele den Zusammenhang zwischen einer der ältesten Formen der ästhetischen Praxis einerseits und einer globalisierten Welt andererseits zu befragen - einer Welt, welche die Formen, in denen sie sich manifestiert, in immer kürzeren Abständen zu überholen scheint. Hauptgegenstand unserer Untersuchungen und Fragestellungen waren dabei die ästhetischen Strategien, mit denen Autoren und Theatermacher im deutschsprachigen Raum diese Wirklichkeiten konfrontieren. Die hier versammelten Aufsätze sind nach der Tagung und ihren intensiven kritischen Diskussionen im Sinne unserer Fragestellung überarbeitet worden. Wir verstehen diesen Band als Beitrag zum Verständnis des deutschsprachigen Gegenwartstheaters in seinen kritischen Auseinandersetzungen mit den hier angesprochenen gesellschaftlich-technisch-mentalen Entwicklungen.

David Barnett Moray McGowan Karen Jürs-Munby

1 Brecht, Bertolt: »Über Stoffe und Form«, in: ders.: Werke, Bd. 21, Schriften 1, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller, Berlin; Frankfurt/M. 1992, S. 302-304; hier S. 303.

2 Zit. nach Schläpfer, Franziska: »Kulturfrau Jana Caniga, bitte zuhören!«, in: Tages-Anzeiger, 5. Mai 1999.

Item Type: Edited Book
Schools and Departments: School of English > English
Subjects: P Language and Literature > PN Literature (General) > PN2000 Dramatic representation. The Theater
Depositing User: EPrints Services
Date Deposited: 06 Feb 2012 20:00
Last Modified: 02 Jul 2012 11:46
URI: http://sro.sussex.ac.uk/id/eprint/23500
📧 Request an update